Kein Fussball in Somalia

Auf der Insel kennen ihn alle als „Max“. Er würde gerne in Deutschland bleiben und eine Ausbildung als Elektriker machen. Nach geltenden EU-Regeln müsste er sein Asyl- verfahren in Italien betreiben. Mit dem Kirchenasyl soll Zeit gewonnen werden, mit den Behörden eine Lösung seines Falls zu finden.
Foto ©: Manuela Ott

Einen langen Weg hat Mohammed zurückgelegt: Von Somalia über Äthiopien, Sudan, Tschad, Libyen, Italien, Österreich bis nach Deutschland.

Zu Besuch bei einer Freundin Tina auf einer Nordseeinsel. Bei der Ankunft eröffnete sie mir, dass wir am Abend noch Max besuchen würden. Max ist 19, heisst eigentlich Mohamed und kommt aus Somalia. Aber der Name ist den Insulanern zu kompliziert, sie nennen ihn Max. Er hat auf der Insel Kirchenasyl gefunden und ist ein so genannter Dublin II-Fall. Diese Verordnung der Europäischen Union legt fest, das Asylsuchende in jene Länder abgeschoben werden können, über die sie in die EU eingereist sind.

Problematisch ist dabei, dass viele der Einreiseländer – in Max‘ Fall Italien – nicht über funktionierende Asylsysteme verfügen. Das bedeutet für die Asylsuchenden, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit in Armut und Obdachlosigkeit enden. Damit Max weder nach Italien zurück noch illegal in Deutschland abtauchen muss, gewährt ihm die Kirche seit acht Monaten Asyl. Er darf so lange bleiben, bis sein Asylverfahren in Deutschland durchgeführt wird. Um das nicht zu gefährden, nennen wir den Namen der Insel nicht.

In Somalia gehört Max zu den Madhibaan, die traditionell als „unrein“ gelten und deshalb Diskriminierungen ausgesetzt sind. Ich habe beruflich mit Menschen in Südasien zu tun, die ebenfalls als unrein gelten – den Dalits, früher „Unberührbare“ genannt. Wohl auch deshalb haben mich die Begegnung mit Max und seine Geschichte nicht mehr losgelassen. Also bin ich zwei Wochen später nochmal auf die Insel gefahren, um ihn zu interviewen. Und Tina? Tina unterrichtet Max seit einigen Monaten in Deutsch. Max hat sein Leben lang Somali gesprochen, erst auf seiner Flucht hat er Englisch gelernt.

Wir sitzen in seiner kleinen Wohnung in dem Gemeindehaus. Draußen scheint die Sonne, gleichzeitig herrscht klirrende Kälte, die für diese Jahreszeit an der See so typisch ist. Bei Kaffee und Kuchen berichtet mir Max mit einer Mischung aus Englisch und Deutsch von seiner Flucht. Die Flucht, die insgesamt zwei Jahre und drei Monate gedauert hat.

Warum hast du den Entschluss gefasst, deine Heimat, deine Freunde und deine Familie zu verlassen?

Leicht ist mir das nicht gefallen! Der Vorschlag, Somalia zu verlassen, kam von meiner Mutter, und anfangs weigerte ich mich auch. Aber die Milizen der Al Shabaab (islamistisch-militante Bewegung, Anm. d. Red.) wollten mich rekrutieren, als ich 15 Jahre alt war. Ich hätte keine Wahl gehabt: Entweder ich schließe mich ihnen an oder sie bringen mich um. Also drängte mich meine Mutter schweren Herzens, das Land zu verlassen. Sie sagte mir, dass ich in Europa ganz viel Fussball spielen kann – sie weiss, wie viel mir das Fussball spielen bedeutet.

Die Milizen haben dich einfach so gehen lassen?

Nein. Meine Mutter hat sie angelogen und behauptet, ich müsste meinen kranken Onkel in Äthiopien besuchen. Nur deshalb konnte ich gehen.

Wie war eurer Leben in Somalia?

Ich habe einen Bruder und drei Schwestern. Wir haben kein eigenes Land, mein Vater hat Land gepachtet, hat uns aber verlassen. Jetzt baut mein Bruder Mais und Hirse an. Meine Mutter hat drei Kühe und drei Hühner. Mit diesem zusätzlichen Einkommen konnte sie meinen Schulbesuch finanzieren.

Deine Familie ist also eher arm?

Ja. Wir gehören den Madhibaan an, die in Somalia aus dem normalen gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. Wir haben kaum Zugang zu Bildung, Gesundheit und wir bekommen keine guten Jobs. Die meisten von uns haben „unreine“ Jobs wie Schuster, Schlachter oder Friseur.

Warum werden Madhibaan so schlecht behandelt und ausgegrenzt?

Man erzählt sich, dass Madhibaan vor vielen Jahrzehnten aus der Not heraus während einer Dürreperiode das Fleisch verendeter Rinder gegessen haben, seitdem werden sie ausgegrenzt und als unrein betrachtet.

Wusstest du schon immer, dass du ein Madhibaan bist?

Erst als ich mit neun Jahren in die Schule kam. Dort war ich der einzige Madhibaan. Ich wurde von Mitschülern geschnitten, von den Lehrern ignoriert und durfte außerdem nicht mit den anderen Fussball spielen. Vorher habe ich nur mit den Kindern in meinem Viertel gespielt, die auch alle Madhibaan sind.

Woran erkennt man denn in Somalia einen Madhibaan?

Auf dem Land leben Madhibaan häufig unterhalb der Armutsgrenze, tragen deshalb schlechte Kleidung und sind eher ungepf legt. Weil sie ständig diskriminiert werden, ist ihr Selbstbewusstsein häufig nur sehr gering; sie sind unterwürfig, trauen sich nur wenig zu. In Städten ist die Situation anders, da interessiert sich kaum jemand dafür, ob du Madhibaan bist oder nicht.

Gibt es eine spezielle Unterstützung von der somalischen Regierung für Madhibaan?

Zwischen 1969 und 1991, unter dem Regime von Siyad Barre, durfte es offiziell keine Diskriminierung gegenüber Gruppen und Clans wie Madhibaan geben. Teilweise haben Madhibaan sogar Stellen in gehobenen Diensten bekommen – damit wollte Barre oppositionelle Kräfte eindämmen. Das führte zu dem Vorwurf, dass Madhibaan den Diktator Barre unterstützen und ihm nahe stehen. Nach seinem Sturz waren Madhibaan deshalb gewaltsamen Übergriffen ausgeliefert, so dass viele nach 1991 das Land verließen. Heute gibt es in Somalia keine funktionierende Regierung, deshalb gibt es keine speziellen Programme für niemanden.

Zurück zu deiner Flucht: Was war dabei das schlimmste Erlebnis?

Das war, als wir zwischen Sudan und Tschad einen Teil der Sahara durchqueren mussten. Ein Freund hatte mir erzählt, dass die Chancen der Durchquerung der Sahara und das Überqueren des Mittelmeeres 50:50 stehen. Ich hatte Angst! Wochenlang liefen wir durch den endlosen Sand und haben jeden Tag nur ein Glas Wasser bekommen. Ein Glas Wasser! Das schlimmste war aber, dass eine schwangere Freundin, die ich auf der Flucht kennen gelernt habe, in der Sahara starb. Das war schlimm – so schlimm, dass ich noch heute davon Albträume habe und nachts aufwache.

Wie ging es nach der Sahara weiter?

Ich ging vom Tschad nach Libyen. Dort kam ich zweimal ins Gefängnis. Das erste Mal wurde ich an der Grenze aufgegriffen, das zweite Mal in der Hauptstadt Tripolis.

Wie sind die Bedingungen in einem libyschen Gefängnis?

Für Männer waren die Bedingungen ganz in Ordnung, für Frauen war es schlimm. Sie wurden von Polizisten und Gefängniswärtern mitgenommen und vergewaltigt. Männer und Frauen waren in einer großen Zelle untergebracht – etwa 30 Frauen und 50 Männer. Es gab eine grosse Solidarität untereinander. Wann immer ein Gefängniswärter kam und Frauen mitnehmen wollte, drängten Männer und Frauen zusammen, behaupteten, sie seien Geschwister.

Wie kommt man aus einem libyschen Gefängnis wieder raus?

Wenn dein Land eine Botschaft hat, kommst du mit deren Hilfe raus. So war es bei meinen Freunden aus Ghana. Somalia als Bürgerkriegsland hat keine Botschaft in Libyen – du musst die Beamten schmieren. Und wenn du kein Geld hast, so wie ich damals, musst du ausbrechen.

Und von Libyen bist du nach Italien?

Ja, in Libyen gibt es viele somalische Gastarbeiter, die legal hin- und herfliegen. Meine Mutter hat über einen solchen Gastarbeiter 800 Euro an einen Schlepper gegeben. Du kannst mir glauben, dass da ganz viel Betrug passiert. Die Familie eines Freundes von mir hat das Geld auch über einen Gastarbeiter bringen lassen wollen, es ist aber nie angekommen. Das war kein Einzelfall – ich hatte Glück.

Wie war die Überfahrt?

Am 15. August 2013 liefen wir abends um acht aus in Richtung Posalo in Sizilien. Als ich am nächsten Morgen um sechs nur Wasser um mich sah, hatte ich solche Angst. Überall Wasser, nichts als Wasser! Ich konnte doch gar nicht schwimmen. Wir waren drei Tage und drei Nächte auf dem Boot. Als ich die italienische Marine gesehen habe, war ich überglücklich – ich hatte es geschafft.

Was passierte, als Ihr an Land gegangen seid?

Wir wurden zuerst mit Kleidung, Wasser und Nahrung versorgt. Außerdem sollten wir unsere Fingerabdrücke abgeben. Einige weigerten sich, und damals verstand ich nicht, warum. Ich war so glücklich, angekommen zu sein. Nach sechs Tagen bin ich mit einigen Freunden nach Rom aufgebrochen, wo ein anderer Freund von mir war, den ich auf der Flucht kennen gelernt habe.

Wie bist du dann nach Deutschland gekommen?

Ich habe mir Geld geliehen und bin mit vier anderen mit dem Zug nach München gefahren. Freunde hatten mir erzählt, dass ich an dem Grenzübergang – ich glaube, Innsbruck hiess der – vorsichtig wegen Kontrollen durch die Grenzpolizei sein müsse. Ich sah mich also vor. In München sind wir zur Polizei gegangen, die uns in ein Auffanglager gebracht haben. Da die Lager in Süddeutschland zu voll waren, mussten wir wechseln. Schließlich bin ich in Norddeutschland gelandet.

Warum wolltest du nicht in Italien bleiben?

In Rom habe ich gesehen, wie dort die Flüchtlinge leben – wie Obdachlose. Alkohol, Drogen und Gewalt gehören zu ihrem Alltag, weil sich keiner um sie kümmert ausser der Kirche, die ihnen eine Mahlzeit pro Tag anbietet. Das machte mir Angst und deshalb wollte ich nach Deutschland. Deshalb – und wegen Fussball.

Wovon träumst du, wenn du an Deine Zukunft denkst?

Ich möchte einen Schulabschluss machen und danach Elektriker werden.

Kannst du dir vorstellen, jemals wieder zurück nach Somalia zu gehen?

Nein. Ich vermisse meine Familie sehr, aber ich möchte nicht mehr zurück.